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Wie ich beinahe im Bus zu Gott fand.

Mit drei Reisetaschen beladen steht das Mädel, das nach Ende 20 aussieht, an der Bushaltestelle Kiel, Hauptbahnhof. Stadtauswärts. Meine Haltestelle wenn ich von der Arbeit nach Hause oder zu Uni möchte.
Freundlich fragt sie, ob ich vielleicht eine oder zwei der Taschen in den Bus tragen könne, sie würde die ungern draußen stehen lassen und hätte auch Angst, dass der Bus zwar mit ihren ersten beiden Taschen aber eben ohne sie und die letzte Tasche abführe.

Natürlich konnte ich. Es ist nicht mehr so sengend heiß in Kiel, mir ronn der Schweiß nicht wie die Niagarafälle von der Stirn – und überhaupt: ich hatte einen guten Tag. In dem fast leeren Bus fand ich dann heraus, dass die eigentlich recht gebildet wirkende junge Frau eine  „Hardcore-Christin“ ist. Und da ging der Spaß denn los…

Ob ich Jesus kenne würde.
Was für eine Frage. Natürlich „kenne“ ich Jesus. Allein schon wegen dieser einen Umfrage, die ich irgendwann Mitte der 90er mal gelesen hatte und aus der hervor ging, dass Michael Jackson der bekanntest Mensch der Welt wäre. Mit einigem Vorsprung vor eben jenem Jesus.

Wie gesagt: ich hatte einen guten Tag – und obwohl ich schon da ahnte, wie das alles Enden würde, ging ich in die Vollen: „Klar! Spielt beim FC Sevilla und kam für meinen Geschmack viel zu selten bei der WM zum Einsatz – na ja, hat ja trotzdem zum Titel für Spanien gereicht…“
Ich konnte die sich drehenden Zahnräder in ihrem Kopf sehen. Sie überlegte, was ihr diese Antwort sagen sollte… Ist das sein Ernst? Kennt er wirklich Jesus nicht? Oder ist ein Fußballer „Jesus“ ihm wirklich wichtiger als „der Jesus“? Will er mich verarschen? Ist das nur ein Gag?

Sie entschied sich für irgendetwas zwischen „der kennt Jesus wirklich nicht“ und „das ist bestimmt nur ein Gag“. „Haha“, sagte sie (ja, sagte, sie lachte nicht), dass sei ja mal eine merkwürdige Antwort.
„Ja, war ja auch ’ne merkwürdige Frage. Natürlich kenne ich Jesus – ist ja bekannt wie ein bunter Hund!“
Dann sei es ja gut. Aber sie würde schon merken, dass ich ihn zwar kennen aber eben nicht KENNEN würde.
Ich antwortete irgendetwas in der Nähe von „Höää?!“
„Na ja“, meinte sie, „er hat sich dir noch nicht offenbart, oder?“ – „Nicht, dass ich wüsste… wird aber auch nicht passieren. Ich bin für diesen ganzen religiösen Zauber und Voodoo nicht zu haben“, sage ich in der Hoffnung, dass sie das entweder richtig anstachelt oder aber zum Verstummen bringt.

Ersteres war der Fall. Und damit wurde es eine der interessantesten Bus-Viertelstunden meines bisherigen KVAG-Kunden-Lebens.
Nach einigen lustigen Sätzen zu Jesus, dem Ende der Welt, und so weiter brachte ich das Gespräch auf ein ganz neues Level: „Und überhaupt: wieso glaubst, dass du und deine Jesus-Clique recht hast? Warum nicht die Buddhisten? Gibt’s da nicht viel mehr von und müssten die’s dann nicht besser wissen? Ich meine wenn eine von den ganzen Religionen Recht hätte, hätte sich das in den letzten 1000 Jahren nicht mal rumgesprochen?“
Darauf bekam ich eine wahnsinnig kreative Antwort: dass die Buddhisten so viele wären läge ja nur daran, dass der Buddhismus in Ländern gegründet wurde, die einfach mal viel größer wären. 
Ähm, ja…

Woran ich denn so glauben würde. „Eigentlich an nichts.“ Jeder würde an etwas glauben. „Ja, schon, aber ich halt zumindest an nichts religiöses mit höheren Mächten und so.“
Was ich denn glauben würde, was mit mir passieren würde wenn ich gleich aus dem Bus aussteige und dann von einem Auto überfahren werde und sterbe. „Nichts. Ich werde aufgesammelt, verbuddelt und das war’s dann.“
Das konnte sie dann nicht glauben. Ich müsste doch zumindest an den Himmel glauben – und an die Hölle. Als Ungläubiger käme ich ja schließlich in diese. „Wieso? Nur weil ich nicht an Gott und das ganze Drumherum glaube?“ Ja, Ungläubige kämen nunmal in die Hölle. Das sei der Lauf der Dinge.
Woher sie das denn nun wisse, wollte ich wissen. Ob sie denn jemanden kennen würde, der das bezeugen könnte. So direkt kennen würde sie natürlich niemanden aber das stünde ja nun mal alles haarklein in der Bibel drin, konterte sie.
„Aber das haben doch auch nur irgendwelche Menschen von 1000 oder mehr Jahren aufgeschrieben. Warum ist das denn glaubhafter als wenn ich dir jetzt sage: da ist nix. Sterben, verbuddelt werden, verrotten, Ende?“
Die Bibel sei ja nicht von irgendwelchen Menschen geschrieben worden, sondern das Wort Gottes – von Menschen aufgeschrieben aber eben nicht erfunden.
„Und was ist wenn Gott genau das gesagt hat, was ich gerade gesagt habe und sich Moses und Konsorten einfach gedachten haben: ‚Hey, das ist ja gar keine frohe Botschaft! Das kann ich doch meinen Leuten nicht sagen! Ich reparier die Geschichte mal ein Bisschen…‘?“
Nein, so etwas würde Moses nicht machen! Überhaupt: das was der alles aufgeschrieben hat, das könne sich einer alleine gar nicht ausdenken.
Richtig, sagte ich, hat er ja auch nicht. Der saß doch bestimmt mit ein paar Saufkumpanen zusammen und hat das zu recht fabuliert. Ob sie denn schon mal Science-Fiction-Romane gelesen hätte. Nein, das wäre nicht so ihrs. Sie hätte als Kind halt so Mädchenbücher gelesen, seit sie aber selbst klar denken kann eigentich immer nur die Bibel.
„Dann kannst du dir doch gar kein Bild von anderen Religionen, geschweige denn der Wissenschaft machen. Vielleicht würdest du ja zum Islam konvertieren wenn du nur mal den Koran lesen würdest!“ Nein, nein. Andere Religionen und wissenschaftliche Theorien würden in ihren Gruppen ja auch diskutiert. „Ja, toll, wenn du den ganzen Tag mit THW-Fans zusammen bist wirst du nie ein der SG Flensburg-Handewitt werden!“

Überhaupt, unterbrach sie, was wäre denn Wissenschaft bitte schön mehr als Geschichten und Theorien. Beweis-, bzw. Widerlegbare Theorien, sagte ich. „Belege und so sind ja nix für euch Jesus-Menschen, oder?“
Gott müsse man nicht beweisen. Und sowieso, selbst ich müsste doch anerkennen, dass die Evolutionstheorie eine einzige Lüge sei. „Warum?“ „Die erzählen dir, dass das hier alles schon seit Milliarden von Jahren existiert und du glaubst das?“
Natürlich würde ich das glauben. Es gäbe ja schließlich genug wissenschaftliche Methoden zu beweisen, wie alt z.B. Steine oder Skelette sind. „Außerdem: dein Vadder Abraham darf 1000 oder wie viele Jahre alt werden und mein Stein darf keine 1.000.000 Jahre alt sein? Das ist doch beides mindestens gleich unglaublich – mit dem Unterschied: ich kann dir Belege für das Alter meines Steins liefern.“
„Aber mindestens der Teil, wo die Steine zum Leben erwachen und an Land gehen und daraus dann Tiere und Menschen werden, das ist doch wohl wirklich nicht dein Ernst?!“ „Steine, die zum Leben erwachen? Wo steht das denn?“ Das sei Teil der Evolutionstheorie. Hm, das hatte ich so nicht gelesen. Werde ich nachher mal Googlen müssen. Nicht. Ich gab ihr einen 2-minütigen kurzen Einstieg in das, was die Evolutionstheorie so aussagt. Glauben wollte sie es nicht, sie würde da eher den Leuten in ihren Gruppen glauben – schließlich kenne sie die ja wenigstens.
„Womit wir den Kreis geschlossen hätten: bestell dir mal bei Amazon irgendein Buch zum Thema Evolutionstheorie und lies selbst, was die Wissenschaft dazu sagt.“ Nein, das würde sie nicht tun, in der Welt Gottes sei das Buch der Bücher mehr als genug für ein Leben.

Ich wollte noch kurz mit dem Urknall anfangen, sah aber schon meine Haltestelle immer näher kommen. Ob sie denn wenigstens noch für mich beten dürfte, fragte sie als ich aufstand und mich verabschiedete.
„Warum? Bringt denn das was? Komme ich dann nicht in die Hölle? Gesetzt den Fall, dass du Recht hast und es die Hölle überhaupt gibt.“ Nein, dafür müsste ich schon selbst anfangen zu glauben. „Was hat das Gebete für mich dann für einen Sinn?“ Beten könne überhaupt nie schaden, sagte sie.
„Wenn du dich dann besser fühlst, dann bete für mich. Meinethalben kannst du die Zeit gerne sinnvoller verbringen.“ Dass ich nicht wollte, dass sie für mich betet konnte sie auch nicht verstehen. Das war ihr anzusehen.
Ich zuckte noch kurz mit den Achseln und stieg aus.

Für mich war das eine spaßige Busfahrt. Schade finde ich, dass es sicherlich zu Hauf solche Menschen wie dieses Mädel gibt. Sollen sie doch alle glauben, was sie wollen – ich lasse sie ja. Aber dann möchte ich im Gegenzug doch bitte auch nicht „gerettet“ werden. Lasst mich doch einfach ungläubig sterben. Mir sind ja die etwaigen Konsequenzen, sollte ich daneben liegen und sie Recht haben, durchaus bekannt und bewusst. Und ich gehe das Risiko ein.
Schade auch, dass „die Christen“ es immer noch als ihren Auftrag sehen, andere zu bekehren. Immerhin inzwischen aber anscheinend nur noch mit Worten. Oder im Fall der Zeugen Jehovas mit Worten und Zeitungen.

Na ja, zumindest ist dabei endlich mal wieder ein nicht-technischer Blogeintrag bei rumgekommen. 🙂

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  1. Sven H. Der früher M. hiess Sven H. Der früher M. hiess

    Wer weiß vielleicht war die gute doch intelligenter als du denkst und hat dir den „Technikfreak“ sofort angehängt.
    Mal schauen ob Sie einen Blog hat wo die Begegnung aus Ihrer Sicht steht *such such* :o)

    • LOL. Das hab ich SO dann tatsächlich noch nicht bedacht… 🙂
      Ich schließe ja auch gar nicht vollständig aus, dass die Christen-Leute doch Recht haben. Ich glaube es aber nicht. Und wenn ich falsch liege hab ich halt Pech gehabt.
      Und wenn ich Recht habe, dann gucken die eben doof – bzw. gerade nicht, weil sie nach dem Tod dann ja nicht mehr gucken können. 🙂

      Am 15.07.2010 um 20:31 schrieb Disqus:

  2. Sven H. Der früher M. hiess Sven H. Der früher M. hiess

    Wer weiß vielleicht war die gute doch intelligenter als du denkst und hat dir den „Technikfreak“ sofort angehängt.
    Mal schauen ob Sie einen Blog hat wo die Begegnung aus Ihrer Sicht steht *such such* :o)

  3. LOL. Das hab ich SO dann tatsächlich noch nicht bedacht… 🙂
    Ich schließe ja auch gar nicht vollständig aus, dass die Christen-Leute doch Recht haben. Ich glaube es aber nicht. Und wenn ich falsch liege hab ich halt Pech gehabt.
    Und wenn ich Recht habe, dann gucken die eben doof – bzw. gerade nicht, weil sie nach dem Tod dann ja nicht mehr gucken können. 🙂

    Am 15.07.2010 um 20:31 schrieb Disqus:

  4. Sehr lesenswerter Beitrag. 😀

    Interessant zu wissen: in WOB haben auch die Christen Werbematerial. So nenne ich das jedenfalls. Auf jeden Fall gibt es nur 2 Möglichkeiten: entweder ihre ‚Broschüre‘ ist weder Werbung noch eine kostenlose Zeitschrift, oder die guten können nicht lesen und bestehen weiterhin darauf diese in meinen Briefkasten zu werfen…

    Allein die Erweiterung ‚…das gilt auch für Christliche Broschüren..‘ ist vielleicht ein Ausweg 😉

    • Einmal im Monat bekomme ich so einen komischen Gemeindebrief (auch eine
      Broschüre) von der lokalen Filiale der ev. Kirche.

      Abbestellen kann man den nicht. Das wäre eine Wurfsendung und man könne
      nicht anfangen eine Liste mit Adressen/Postkästen zu pflegen, wo die
      niht eingeworfen werden darf.
      Mein Argument: es steht doch dran „Keine Werbung etc. pp.“ wurde nicht
      beantwortet.

      Die letzten beiden Male habe ich nach Erhalt des tollen Gemeindebriefes
      immer eine Woche lang Werbebeilagen aus Zeitungen/Zeitschriften
      gesammelt und diese dann, gemeinsam mit dem Gemeindebrief, in den
      Postkasten des Absenders geworfen.

      Wenn ich den Gemeindebrief mal an einem TAg erhalten sollte an dem ich
      eh pissig bin, werde ich mal rechtliche Schritte prüfen. 🙂

      Am 16.07.2010 13:54, schrieb Disqus:

  5. Sehr lesenswerter Beitrag. 😀

    Interessant zu wissen: in WOB haben auch die Christen Werbematerial. So nenne ich das jedenfalls. Auf jeden Fall gibt es nur 2 Möglichkeiten: entweder ihre 'Broschüre' ist weder Werbung noch eine kostenlose Zeitschrift, oder die guten können nicht lesen und bestehen weiterhin darauf diese in meinen Briefkasten zu werfen…

    Allein die Erweiterung '…das gilt auch für Christliche Broschüren..' ist vielleicht ein Ausweg 😉

  6. Einmal im Monat bekomme ich so einen komischen Gemeindebrief (auch eine
    Broschüre) von der lokalen Filiale der ev. Kirche.

    Abbestellen kann man den nicht. Das wäre eine Wurfsendung und man könne
    nicht anfangen eine Liste mit Adressen/Postkästen zu pflegen, wo die
    niht eingeworfen werden darf.
    Mein Argument: es steht doch dran „Keine Werbung etc. pp.“ wurde nicht
    beantwortet.

    Die letzten beiden Male habe ich nach Erhalt des tollen Gemeindebriefes
    immer eine Woche lang Werbebeilagen aus Zeitungen/Zeitschriften
    gesammelt und diese dann, gemeinsam mit dem Gemeindebrief, in den
    Postkasten des Absenders geworfen.

    Wenn ich den Gemeindebrief mal an einem TAg erhalten sollte an dem ich
    eh pissig bin, werde ich mal rechtliche Schritte prüfen. 🙂

    Am 16.07.2010 13:54, schrieb Disqus:

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