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Monat: März 2013

Das Leistungsschutzrecht – die SPD wars

Das Leistungsschutzrecht kommt. Schuld ist auch die SPD. Ja, ich weiß, dass das Gesetz von CDU und FDP gemacht, eingereicht und durch den Bundestag gepeitscht wurde. Ja, ich weiß, dass ein Veto des Bundesrats das Gesetz nicht direkt hätte verhindern können. Aber es hätte eine Entscheidung dazu mindestens aufschieben können. Aufschieben bis nach der Wahl im Herbst, die SPD/Grüne gemeinsam gewinnen wollen.

Aber daran hatte die SPD kein Interesse. Wer einen Blick in den Entwurf des Wahlprogramms wirft oder sich anguckt, was Steinbrück zuletzt zum Leistungsschutzrecht hat verlauten lassen, erkennt, dass die SPD von der Contra- zur Pro-Leistungsschutzrecht-Partei geworden(?) ist. Zu erahnen war das schon während der Bundestagsabstimmung, wo sämtliche Partei-Spitzenleute aus „terminlichen Gründen“ nicht anwesend waren. Und das, obwohl Peer Steinbrück noch zu Monatsanfang ein klarer Gegen des Leistungsschutzrechts war.

Taktik

Ich unterstelle der SPD dabei auch taktisches Kalkül. Wie die Abstimmung und Gesetzgebungsprozess gelaufen sind ist bald vergessen und man kann sich dann bequem auf „Ja, aber das Gesetz haben doch die anderen Gemacht“ ausruhen. Im Vergessen und Verdrängen ist die SPD nämlich gut. Zu gerne ignoriert man nämlich, dass viel von dem Quatsh, an dem wir heute „leiden“, zu Zeiten der großen Koalition von der SPD mitgetragen wurde.
Außerdem, ich unterstelle weiter, will man vielleicht im Wahlkampf die Axel Springer AG nicht noch mehr gegen sich aufbringen als ohnehin schon, quasi per Definition.

Aber wenn das Gesetz doch eh kommt…

Warum Energie im Kampf gegen ein Gesetz verschwenden, das eh kommt? Um Rückgrat zu beweisen! Um zu zeigen, wo man steht. Ich bin nach wie vor kein CDU-Gegner. Aber ich weiß, dass die CDU in vielen Belangen einfach schlechte Politik macht. Das weiß ich, das kann ich einkalkulieren bei einer Wahlentscheidung: Bei A, B und C werden sie garantiert versagen, aber ihre Haltung bei D ist mir wichtiger als A,B und C zusammen. Fertig.

Die SPD verkommt zunehmend zu einer Wundertüte – im schlechtest möglichen Sinn. Es wird das eine gesagt und das andere gemacht. Die FDP ist seit Jahren als „Umfallerpartei“ verschrien, aber ist die SPD da wirklich so viel besser? In vielen (bei weitem nicht allen!) Punkten nicht.

Was wünscht man sich aber in solchen Zeiten? Einen verlässlichen Partner an seiner Seite, auf den man bauen kann. Ich kann das nicht. Bei mir wichtigen Themen versagt die SPD regelmäßig. Nur ohne das, wie die CDU, vorher anzukündigen. Seien wir mal ehrlich: Was wird von den rot-grünen Jahren und den Jahren der SPD-Regierungsbeteiligung unter Merkel bleiben, wenn wir in 20 Jahren zurück blicken? Hartz IV und der (Anfang) einer total verkorksten Rettung Europas. Die SPD hat bei allen großen Aufgaben versagt: Wir haben keine gerechtere Gesellschaft, wir haben kein besseres Gesundheitssystem, kein vernünftiges Rentensystem und keine merklich verbesserte Bildungs- oder Familienpolitik bekommen. Alles SPD-Top-Themen. Und bei den mir ganz persönlich wichtigen Themen hat sie zuletzt eben auch versagt. Zum Beispiel bei der Vorratsdatenspeicherung oder jetzt eben beim Leistungsschutzrecht. Oh, und dass das Gesetz zur Einfachen Identifizierung von Personen im Internet durch die SPD im Bundesrat gestoppt oder zumindest vertagt wird, darauf hoffe ich auch nicht mehr.

Klar, das alles wird nicht dadurch besser, dass CDU/FDP weiter regieren. Aber wenn die CDU in den Punkten A-D nicht meiner Meinung ist, die SPD in diesen Punkten zwar meiner Meinung ist, dann aber anders handelt, und die CDU im Gegensatz zur SPD bei E und F voll und ganz meiner Meinung ist und diese Politik dann auch durchsetzt – dann bin ich mit einer schwarz-gelben Regierung besser bedient. Das ist einfachste „Wahl-Mathematik“.

 #diespdwars

Was machen SPD-Menschen, wenn man dieses Verhalten zum Beispiel auf Twitter anmerkt und rügt? In der Regel bekommt man einen flapsigen Kommentar gefolgt von dem Hashtag „#diespdwars“ zurück. Mir und ALLEN ist vollkommen klar, dass diese ganze, Entschuldigung, Scheiße über die wir derzeit debattieren in 9 von 10 Fällen nicht  von der SPD kommt. Aber sie tut auch nichts dagegen und das ist verwerflich. Der alte Spruch „Wer kämpft kann verlieren, wer nicht kämpft hat schon verloren“ kommt einem in den Kopf. Vermutlich hat Deutschland noch nie seit den 1920er/1930er Jahren so sehr eine starke SPD mit Politik für die Bürger gebraucht wie jetzt. Man könnte von einer Jahrhundert-Chance sprechen, die gerade vertan wird. Noch nie hatten die Menschen hierzulande eine so große Einsicht in die Notwendigkeit schwieriger Maßnahmen. Noch nie war einer so großer Zahl von Menschen so klar, dass a) etwas passieren und b) dabei Prioritäten gesetzt werden müssen.

Aber anstatt sich zunächst kritisch mit der eigenen jüngeren Vergangenheit auseinanderzusetzen (und sie anzuerkennen) und dann motiviert und zukunftsgewandt Politik für das 21. Jahrhundert zu machen, vergibt die SPD seit Jahren konsequent jede Steilvorlage vor dem leeren Tor, die sie von der Regierungskoalition mit schöner Regelmäßigkeit geliefert bekommt.

Frust und Angst

Wenn man nur halb so fortschrittlich wäre, wie man sich gibt, würde man in der SPD viel mehr auf seine eigenen (häufig jungen) Experten hören und entsprechend handeln. Auf Twitter und Co bekommt man mit, wie frustriert viele SPD-„Netzmenschen“ sind.  Meine große Sorge ist: Wenn die SPD doch kluge Köpfe hat, die die richtigen Hinweise geben und sie doch immer wieder gegensätzlich handelt – ist das vielleicht auch bei den Themen, von denen ich keine Ahnung habe, wo ich es also nicht überprüfen kann, genau so? Also: ist die SPD nur dort „schlecht“, wo ich es beurteilen kann oder überall? Warum sollte ich denn davon ausgehen, dass seitens der SPD-Führung wirklich die besten und klügsten Vorschläge zur Reformierung der Gesundheitspolitik artikuliert werden, wenn das in anderen Bereichen auch ganz offensichtlich nicht der Fall ist?

Die Wahl

Die Bundestagswahl rückt zügig näher. Wenn es meine Partei, die Piraten, bis dato noch gibt (SCNR) werden die meine Stimme bekommen. Ich, der jahrelang CDU und FDP gewählt hat, wünsche mir eine starke SPD. Der Karren Deutschland steckt so weit im Dreck, dass ich sogar meinen Ideologie-Schweinehund zu überwinden bereit wäre und mir vorstellen könnte, mein Kreuz bei den Sozen zu setzen. Aber ich weiß halt nicht, was ich bekomme. Gäbe es die Piraten nicht, ich wüsste nicht, was ich wählen sollte. CDU und FDP sind momentan eine gute Hilfe für politische Entscheidungen. Was immer sie auch fordern, wenn man das genaue Gegenteil fordert steht man zumindest nicht als Depp da und bekommt vermutlich noch viele Schulterklopfer. Genau an der Stelle wünsche ich mir die SPD 2013. Seit Jahren poltern Steinmeier, Steinbrück und SigiPop, flankiert von der schrecklichen Nahles, gegen die Politik der CDU und FDP – aber wenn es drauf ankommt, wird das Händchen eben doch gehoben. Oder eben nicht. Auf jeden Fall nicht dagegen. (Ja, im Bundestag hat die SPD noch gegen das LSR gestimmt – da war’s ja aber auch gefahrlos und es waren keine Konsequenzen zu erwarten.)

Und nun?

Es bleibt die Frage, wohin die SPD will. Weiter auf dem Weg zur „CDU light“? Dann ist mir das „Original“ doch immer noch lieber. Eben weil man da weiß, woran man ist. Ja, es ist unfair, dass CDU/FDP ein Gesetz beschließen und die SPD dafür auf die Fresse bekommt. Aber, und das klingt jetzt zunächst albern, liebe SPD, nimm das als Lob. Von der CDU und FDP erwarten die Menschen anscheinend schon nichts anderes mehr. An dich hat man den Glauben noch nicht ganz verloren, weshalb so emotional und eruptiv reagiert wird. Nimm dir das zu Herzen, SPD. Du und ich, wir werden nie Freunde werden – aber du hast die Chance zumindest das deutlich(!) kleinere von zwei Übeln zu sein. Und das aus meinem Mund und dir gegenüber ist fast schon ein Heiratsantrag.

 

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Das Ende von Google Reader

In der letzten Woche hat Google das Aus für den eigenen RSS-Dienst „Google Reader“ verkündet. Das ist Drama und Chance zugleich. Was viele in der Debatte, die die Ankündigung ausgelöst hat, verkennen: es geht nicht um die Client-Funktion von Google Reader. Die Nutzeroberfläche ist veraltet und nicht mehr wirklich funktional, beziehungsweise mindestens nicht mehr an die vorherrschenden Realtäten des Internets angepasst.

Wichtiger ist, was der Dienst Google Reader hinter den Kulissen liefert – und zwar für die diversen Clients und damit auch die RSS-Feed-Leser. Zum einen ist da ein erstklassiger Synchronisierungsservice. Mein RSS-Reader auf Mac und iPhone muss nicht jeden einzelnen Feed abklappern, sondern sich nur mit Google in Verbindung setzen und weiß dann sofort, was es neues für mich gibt. Google Reader ist für diese, von mir abonnierten Feeds auch so etwas wie ein Proxy mit Normalisierungsfunktion. Das heißt, dass über Google Reader abonnierte Feeds in einem standardisierten Format angeliefert werden. Die Software auf dem Endgerät muss ich um nichts mehr kümmern, sondern bekommt alles mundgerecht vorgesetzt. Als Entwickler kann man sich so ganz auf das Interface und fortschrittliche Funktionen kümmern.

Ja, RSS ist alt und es ist Zeit für ein Update oder gar einen modern(er)en Ersatz. Aber machen wir uns nichts vor: Bis zum Juli, wenn die Ära von Google Reader endet, wird es nichts neues geben, was auch nur eine entfernt derartige Akzeptanz erfahren würde. Es muss also Dienste geben, die zumindest die serverseitigen Aufgaben von Google Reader übernehmen und, zumindest vorerst, idealerweise die Google-Reader-API kopieren, respektive adaptieren. Erst mal muss das System am Laufen gehalten werden, bevor neue Schritte getan werden können.

Ziel muss ein offener Severstandard werden, damit das neue/überarbeitete System unabhängig von einem einzelnen Anbieter funktionieren kann. Schon jetzt gibt es diverse Lösungen oder zumindest Lösungsansätze. Aber solange jeder sein eigenes Süppchen kocht wird auf Seite der Clients viel, viel Zeit auf Anpassungen an die verschiedenen Systeme verschwendet werden.

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Ist die SPD doch Pro-Leistungsschutzrecht?

Eben gerade noch habe ich die SPD gelobt, weil sie sich im Bundestag fast geschlossen gegen das Leistungsschutzrecht ausgesprochen hat und auch im Bundesrat dagegen vorgehen will. Jetzt habe ich das „Regierungsprogramm“ der SPD, bzw. den Entwurf dazu vom 11.03.2013, für die Bundestagswahl 2013 mal nach ein paar für mich relevanten Begriffen durchsucht. So zum Beispiel „Internet“ oder „geistiges Eigentum“. Gestoßen bin ich auf folgende Passage (S. 54).

„Das geistige Eigentum ist der Rohstoff der Kultur- und Kreativwirtschaft. Die unverbrüchliche Verbindung zwischen Urheber und Werk darf nicht relativiert werden. Der Schutz des geistigen Eigentums ist für die SPD deshalb essentiell. Dennoch ist eine Modernisierung des Urheberrechts notwendig, um Kreative und Urheber in der digitalen Ökonomie zu stärken und die Rahmenbedingungen neuer digitaler Nutzungspraktiken urheberrechtlich verbindlich zu klären. Unser Ziel ist es, einen fairen und gerechten Ausgleich der Interessen von Urhebern, Verwertern und Nutzern sicherzustellen, der die kulturellen und ökonomischen Rahmenbedingungen der Kultur- und Kreativwirtschaft gewährleistet.

• Wir wollen Geschäftsmodelle fördern, die eine legale Nutzung geschützter Inhalte rechtssicher ermöglichen. Dazu müssen wir die Erprobung neuer Geschäftsmodelle auch rechtlich ermöglichen, z.B. durch eine vereinfachte Lizensierung.

Presseverleger brauchen eine gesetzliche Regelung, die ihnen die  Verfügungsgewalt über ihre Produkte im Netz sichert und ermöglicht, die unbefugte Verwendung ihrer Artikel durch Dritte (z.B. durch Aggregatoren oder Harvester) zu unterbinden.

(Hervorhebung aus dem Programm übernommen).

Das klingt doch verdächtig nach so etwas, wie es die schwarz-gelbe Koalition derzeit durchdrücken will. Vielleicht sollten alle stimmberechtigten Sozialdemokraten mal in sich gehen und überlegen, ob sie diesen Entwurf tatsächlich so verabschieden wollen.

Hm, jetzt hab ich das schon runtergeschrieben und wollte noch etwas mehr recherchieren, da stoße ich auf einen Artikel auf netzpolitik.org, der das Thema auch schon aufgegriffen hat. Dort wird dann auch eine wichtige Frage gestellt, als Reaktion auf Kommentare einiger SPDler, dass das ja so nun nicht gemeint wäre: „Falls dem so ist, warum schreibt dann die SPD nicht explizit dazu, dass man das Leistungsschutzrecht ablehnt, sondern impliziert durch eine offene Formulierung, dass die Forderung mehrdeutig verstanden werden könnte?“

Na ja, vielleicht passiert da ja bis zur finalen Fassung noch was…

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Von Ehen, Familien und wie das alles kaputt gemacht wird (oder auch nicht)

Ich bin ja kein Experte aber das hält mich natürlich nicht davon, mir nicht trotzdem Gedanken zu dem Themenkomplex um die Schlagworte „Homo-Ehe“, „Ehegattensplitting“ und „Kinder“ zu machen. Allerdings in dem Wissen, dass ich damit garantiert nicht dämlicher dastehen kann also so mancher Politiker der *hust*CSU*hust*. 🙂

Und wenn ich mir schon mal solche Gedanken mache, kann ich doch eigentlich auch gleich aufschreiben.

Macht doch was ihr wollt!

Solange alle Teilnehmer damit einverstanden sind sollen Menschen meinethalben in ihren Betten machen, was ihnen beliebt mit wem es ihnen beliebt. Das dürfte inzwischen weitestgehend gesellschaftlicher Konsens sein. Spannend wird es aktuell offensichtlich immer dann wenn Kinder ins Spiel kommen. Nach allem was man so hört, ist es für homosexuelle Paare in diesem Land wahrlich nicht einfach Kinder zu bekommen/adoptieren. Ich gebe zu: Ich war auch lange der Auffassung, dass ein Kind Mutter und Vater braucht. Nicht, weil ich nach tagelangen Überlegungen zu diesem Schluss gekommen wäre, sondern mehr so aus dem Bauch heraus. Im Rahmen der aktuell anhaltenden Diskussionen habe ich auch diese These mal für mich hinterfragt und bin zu einem gänzlich anderen Schluss gekommen.

Selbst wenn man eine „normale Ehe“ als das non-plus-ultra betrachtet – also in Bezug auf das Kindeswohl –, muss man doch erkennen, dass Kinder, die von Single-Müttern oder -Vätern großgezogen wurden, nicht automatisch verkorkst sind. Gleiches gilt für Kinder, die von gleichgeschlechtlichen Elternteilen großgezogen wurden. Gleichermaßen ist festzustellen, dass jede Menge verkorkste Typen in diesem Land gibt, die aus eigentlich „perfekten“ Haushalten kommen. Der Schluss liegt nahe, dass die Anzahl und Zusammensetzung der Elternteile keinerlei Auswirkung auf die Entwicklung der Kinder haben. Da geht es anscheinend eher um die Qualität der Erziehung und sonstige Umstände, wie z.B. die Qualität der Schule.
Damit spricht also erst mal nichts mehr gegen Kinder in „Homo-Ehen“.

Was heißt das für „normale Ehen“? 

Zunächst mal eine ganze Menge, wie dieses kleine Filmchen zeigt:

 

Spaß beiseite. Für Hetero-Ehen heißt das alles erst mal, dass sie nichts besonderes mehr sind. Es gibt keinen Grund, sie gegenüber Homo-Ehen besser zu stellen. „Aber im Gegensatz zu Homosexuellen könne Heterosexuelle für Nachwuchs sorgen und Deutschland braucht schließlich mehr Kinder!“ – Jo. Richtig. Aber die schiere Existenz von gleichgestellten gleichgeschlechtlichen Ehen führt doch nicht dazu, dass alle in Hetero-Ehen lebende Menschen entscheiden: „Wenn der Staat die genau so gut/schlecht behandelt wie uns, dann will ich keine Kinder mehr!“.

Senkt oder beeinflusst die Gleichstellung der Homo-Ehe mit der Hetero-Ehe die Qualität der herkömmlichen Ehe oder die Lebensqualität der daran beteiligten in irgendeiner Weise? Nein. Hebt es die Lebensqualität homosexueller Paare? Vermutlich schon. Man hat mit dieser Maßnahme also die Chance, das Leben vieler Menschen hierzulande positiv zu beeinflussen, ohne dafür erst mal auch nur einen einzigen Cent auszugeben. Womit wir beim nächsten Punkt wären.

Gleiches Geld für alle – nämlich nichts

Gleichgestellt heißt natürlich nicht nur gleichgestellt vor Recht und Gesetz, sondern auch vorm Fiskus. „Wo soll denn bitte das ganze Geld herkommen, wenn die jetzt ebenfalls Ehegattensplitting betreiben dürfen?“. Berechtigte Frage. Aus den finstersten Ecken der Union heißt es dazu, man müsse dann halt leider, leider, gegebenenfalls bei den Kindern, respektive am Kindergeld, sparen. Das ist natürlich nur ein perfider Trick, um a) die Diskussion schnell abzuwürgen und b) die Diskussion einer anderen Option gar nicht erst aufkommen zu lassen. Nämlich die um die Abschaffung des Ehegattensplittings.

Gleiches Geld für alle kann eben auch 0 Euro für alle heißen. Das Ehegattensplitting dient schließlich zur Entlastung von Familien und Familie ist, wo Kinder wohnen. Weder in einer Homo- noch in einer Hetero-Ehe handelt es sich aber per dieser Definition automatisch  um eine Familie. Ganz besonders in diesen geburtenschwachen Zeiten scheint mir die Ehe schon längst kein Garant mehr für Familie zu sein.

Man könnte durch die grundsätzliche Streichung des Ehegattensplittings also Unsummen einsparen. Natürlich müsste man da einen sanften Ausstieg finden und kann nicht von heute auf morgen das Ehegattensplitting für alle streichen. In vielen Fällen würde das vermutlich einen wirklich drastischen finanziellen Einschnitt bedeuten, der vielleicht sogar einen sozialen Abstieg bedeuten könnte. In diesen Zeiten, wo ohnehin alle davon ausgehen, dass alles immer schlimmer wird (und zwar auch für die jeweilige Person persönlich) wäre dies wohl ein falsches Zeichen.

Vielleicht könnte man auch das Ehegattensplitting grundsätzlich in seiner jetzigen Form beibehalten aber auf Familien (also Haushalte mit Kindern) beschränken und um den Betrag, der bei kinderlosen „Familien“ eingespart wird, aufstocken? Da müsste man dann mal genau recherchieren, was bürokratisch sinnvoller ist und bei welchem Modell am Ende das meiste Geld dort ankommt, wo es ankommen soll.

Und wer denkt an die Kinder?

Aber egal wo man diesen Schnitt macht, er würde ein Plus im Staatssäckel bedeuten. Und dieses Geld könnte man (mindestens teilweise) dahin stecken, wo es im Sinne der Familienförderung wirklich sinnvoll wäre. Nämlich in den Topf mit dem Kindergeld, das man dann erhöhen könnte. Und zwar um mehr als nur eine fast schon symbolische Aufstockung zum Inflationsausgleich. Obgleich wohl auch das nur stufenweise funktionieren würde, eben parallel zur schrittweisen Streichung des Ehegattensplittings.

Somit bleibt für den Staat natürlich nichts über, es gibt kein echtes Plus in der Bilanz. Aber es gibt eine sinnvolle und vermutlich weiten Teilen der Gesellschaft vermittelbare Umverteilung vorhandener Gelder. Und hinterher haben deutlich mehr Menschen, das was sie wollen. Alle dürfen heiraten wen sie wollen, die Familie behält (oder: gewinnt?) ihre besondere Stellung und wird sogar noch stärker gefördert als bisher.

Vermutlich ist das alles nichts neues. Aber jetzt habe ich’s auch noch mal gesagt. Oder besser geschrieben. Schacks gesellschafts- und politik-philosophische halbe Stunde am Abend. Vielleicht mache ich da beizeiten mal einen Podcast draus. 🙂

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Stop-Motion-Musikvideo

Früher, als Musik-Fernsehen noch hieß, dass dort primär Musikvideos und nicht Spots für entfernt an Musik erinnernde (zunächst polyphone) Klingeltöne gezeigt wird, war ich ein Musik-TV-Junkie. Ich kam aus der Schule, habe Nachrichten geguckt (ja!), bis sich die erste Neuigkeit wiederholte und ab dann lief MTV, VIVA oder VH1. VIVA immer nur als Notlösung, wenn auf MTV nicht gerade „Masters“, „Unplugged“ oder auf VH1 „Storytellers“ oder „Pop-up Video“ liefen.

Mit der ganzen Werbung hat mich das Musik-Fernsehen dann nach und nach vergrault und heute kann ich ohne zu flunkern behaupten, dass ich praktisch kein Musikvideo der letzten knapp 10 Jahre kenne. Ausgenommen die Videos, die Freunde mir aufgedrängt haben oder denen ich aufgrund eines Hypes im Netz nicht entgehen konnte.

Ich glaube, dass das Schade ist. Wie gesagt, ich weiß nicht, was ich verpasse. Ob ich was verpasse. Aber damals gab’s jede Menge tolle Musikvideos. Klar, auch jede Menge Schrott. Alles wo Michael Jackson, R.E.M., The White Stripes (guckt euch die verlinkten Videos ruhig mal wieder an!) und wie sie alle heißen und hießen draufstand, garantierte Qualität und mit jedem Video irgendwas zwischen Innovation, Evolution und Revolution.

Jetzt hat mich endlich mal wieder ein wirklich tolles Musik-Video gefunden. Beziehungsweise: Ich wurde von einer Freundin drauf gestoßen. Das Video zu Oren Lavies „Her Morning Elegance“ bedient sich des Stilmittels „Stop Motion“ und ist wirklich äußerst sehenswert. Bitte:

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Google Glass

Alle sind sich momentan einig: Das nächste „disruptive“ Produkt nach dem iPhone wird aus dem Hause Google kommen. Es handelt sich dabei um Glass. Ein Brillengestell mit integrierter Kamera und Display vor dem Auge, das mit eigenem Computer daher kommt und über eine Bluetooth-Verbindung die Datenflatrate des Handys mitbenutzt, um ins Internet zu kommen. Steuern lässt sich Glass über Sprache und später einmal sicherlich auch über Gesten.
Das klingt total toll und futuristisch und scheint auch gut zu funktionieren:

Aber irgendwie finde ich die Vorstellung merkwürdig 24/7 mit so einem Ding auf dem Kopf durch die Gegend zu laufen. Denn: Nur dann ist es ja wirklich sinnvoll. Wenn ich es nicht erst aus dem Etui aus dem Rucksack kramen muss, sondern per einfachem Sprachkommando starten kann.

Wollen wir das wirklich?

Aber was bedeutet das für das menschliche Miteinander? Ich weiß nicht, ob mir mein Gegenüber wirklich zuhört, oder ob ich ihn derart langweile, dass er auf seinem Google Glass bereits YouTube aktiviert hat und lieber Katzenbabys beim Spielen zuguckt. Schlimmer noch: Ich weiß nicht, ob der merkwürdige Typ vom Nebentisch mich gerade beim Essen filmt.

So cool ich die Technologie auch finde und so gerne ich da mal mit spielen würde – ich glaube, dass es Google Glass bei weitem nicht nur ein positiver Fortschritt sein wird. Und die Nachteile werden weit größer sein als bei Smartphones. Bei Smartphones hat man zumindest noch die Chance, mitzubekommen, ob der Gegenüber bei der Sache ist oder ob man gefilmt oder fotografiert wird.

Und Apple?

Ach ja: Und dann ist da, wie sollte es anders sein, noch die Fraktion, die Schreit, dass Apple sein „Mojo“ verloren habe, weil Google die Nase jetzt vorn hat. Google hat ein Produkt angekündigt, das für den Großteil der Menschen schlicht zu teuer ist. Glass soll nämlich für „unter 1500 Dollar“ zu haben sein. Ein kurzfristiger bahnbrechender Erfolg wie Apple ihn mit dem iPhone hingelegt hat scheint mir völlig ausgeschlossen zu sein.

Selbst wenn Glass deutlich günstiger wäre, behaupte ich, dass der Markt dafür nicht sehr groß ist. Na klar, wenn man die Dinger dereinst für 10€ an jeder Ecke bekommt, wird jeder sich so ein Teil kaufen. Aber gehen wir mal von einem realistischen Preis in ein oder zwei Jahren von vielleicht 600-800€ aus. Also dem Preissegment, in dem sich heute die Smartphones der ersten Liga bewegen. Wer kauft dann ein Google Glass zusätzlich zu seinem Smartphone? Denn ohne Smartphone kann man mit dem Glass nicht online gehen. Und was ist wohl ein Google-Gerät ohne Internet wert? Genau.
Aber allein der Preis wird viele davon abhalten, einzusteigen und sich Glass auf die Nase zu setzen. Ganz unabhängig von dem oben beschriebenen Faktor „Unwohlsein“, die diese Technologie mit sich bringt.

Google Glass ist ein wahnsinnig spannendes Produkt für Nerds und Technikliebhaber. Apple Konzentriert sich auf den Massenmarkt, hat hier also nichts verpasst.

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