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Über die unheimliche Dominanz des THW Kiel

Wir schreiben den 28.03.2012. Der THW Kiel, Spitzenreiter in der Handball-Bundesliga, hat soeben am 26. Spieltag der Saison den Ligazweiten, Füchse Berlin, mit 36:28 zurück in die Hauptstadt geschickt und steht nun mit 52:0 Punkten am oberen Ende der Tabelle – und man muss den Hut vor den Füchsen ziehen.

Ein Satz, der nicht übertrieben ist und schon alles sagt, was es über die Rolle des THW Kiel in der Saison 2011/2012 zu sagen gibt.

Aber warum ist der THW Kiel in dieser Spielzeit so stark, so Dominant, so unbezwingbar? Der Versuch einer Analyse.

Der Kader

Natürlich, der Kader des THW Kiel allein könnte schon Grund genug sein. Da ist quasi jede Position doppelt mit Spielern besetzt, die problemlos in der Weltspitze mithalten können.
Aber das können andere Vereine, spätestens außerhalb der Bundesliga, wenn man den Blick mal nach Kopenhagen, Barcelona oder Madrid schweifen lässt, auch vorweisen. Trotzdem steht niemand so dominant da, wie der THW Kiel. Und der THW Kiel spielt darüber hinaus auch noch in der „stärksten Liga der Welt“.

Nein, die Top-Spieler allein sind’s nicht. Selbst wenn keine andere deutsche Mannschaft einen so starken Kader vorzuweisen hat, das war in den letzten Jahren nicht anders und trotzdem hat der THW Spiele verloren. In der letzten Saison sogar so viele, dass es am Ende trotz des Deluxe-Kaders nicht zur Meisterschaft gereicht hat.

Der Torwart

Thierry Omeyer spielt schon lange Jahre beim THW und ist Saison für Saison zumindest einer der besten Torhüter der Welt. Diese Saison läuft er beim THW, trotz eines völlig verkorksten Auftretens für Frankreich bei der EM Anfang 2012, zur absoluten Höchstform auf. Omeyer hat sich in zwei Feldern nochmals stark verbessert. Ohne das statistisch überprüft zu haben – selten hat ein Handballtorwart so viele Bälle von außen gehalten wie Omeyer. Und jeder, der schon mal in einem Handballtor stand, weiß, dass nicht selten die am schwierigsten zu parierenden Würfe sind.
Der zweite Aspekt ist das Einleiten von Tempogegenstößen. Kaum ein Torwart spielt so riskante Pässe so exakt wie Omeyer. Was ich am Anfang der Saison noch für Zufall und Glück hielt, ist Wahnsinn mit Methode. Nicht selten wirft Omeyer nach Ballgewinn eben diesen so weit in Richtung des gegnerischen Tors, dass der Außen Dominik Klein diesen nur noch mit einem Sprung in den 6m-Kreis überhaupt noch erreichen kann. Die Abwehrspieler, wenn sie denn überhaupt mit Kleins Tempo mithalten können, haben nur selten eine Chance überhaupt an den Ball zu kommen. Omeyer spielt einen so genannten Kempa-Trick – von Tor zu Tor.
Aber selbst wenn es nicht zu diesen spektakulären Pässen kommt: Thierry Omeyer hat das Spiel und die Gegner stets voll im Blick und spielt nur extrem selten einen schlechten Pass und ist damit ein Garant dafür, dass der Angriffsexpress des THW unzählige Male pro Spiel ins Rollen kommt.

Die Abwehr

Die Abwehr des THW Kiel ist  in dieser Saison so stark, dass der eigentliche Abwehrchef, Daniel Kubes, immer häufiger komplette Spiele auf der Bank verbringt, oder nur am Ende für ein paar Minuten mitspielen darf, um die anderen zu entlasten.
Der THW Kiel steht in den allermeisten Situationen nahezu perfekt in der Abwehr. Gegentore werden gefühlt selten vom Kreisläufer gemacht – zumindest in Relation dazu, wie viele Tore Marcus Ahlm, der Kreisläufer des THW, pro Spiel abliefert.
Dabei ist die Abwehr enorm flexibel und kann sich der Angriffsformation des Gegners stets anpassen ohne Qualität einzubüßen.
Es ist vollkommen egal, ob der THW in der Defensiven in einer 3-2-1-Formation oder der klassisch-defensiven 6-0-Deckung steht – nie wirkt der THW überfordert.
Hinzu kommt, dass es zwischen diesen beiden „extremen“ der Defensivformationen auch noch die 5-1- und 4-2-Formation gibt, die der THW ebenso gut beherrscht und es so schafft, wirklich jedem Angriff früher oder später den Zahn zu ziehen.

Konter und Tempo

Die nach Balleroberung oft durch Omeyer eingeleiteten Konter sind ein weiterer Grund für den unheimlichen Erfolg in dieser Saison.
Die Spieler des THW sind physisch in der Lage über 60 Minuten volles Tempo zu gehen – und haben auch noch Spaß dabei. Egal, ob es sich um einen echten Tempogegenstoß oder einfach „nur“ rasantes Aufbauspiel handelt. Keine Mannschaft ist in dieser Saison was das angeht auch nur im Ansatz mit dem THW zu vergleichen.
Aber genau dieser Tempohandball ist auch ein Grund dafür, dass sich Kubes immer mehr auf der Bank wieder findet und zum Ende der Saison sogar verkauft wird. Kubes ist ein Abwehrspezialist. Wenn Kiel den Ball erobert, dann heißt das in der Regel, dass der THW kurz in Unterzahl spielt, da Kubes erst nach draußen und ein anderer (Angriffs-)Spieler aufs Parkett laufen muss.
Hätte man nur Allrounder könnte hier wertvolle Zeit eingespart werden. Die aktuelle Einkaufspolitik des THW sind dann auch entsprechend aus.

Aufbauspiel

Damit wären wir dann auch endgültig im Angriff angekommen. Denn auch wenn kein Tempogegenstoß gespielt wird, spielt der THW immer mit unglaublich hohem Tempo und wahnsinnigem Druck auf die Abwehr, was meist nach wenigen Pässen zu größeren Lücke in der Abwehr führt, die vorausschauend von THW Spielern gefüllt werden, die dann nur noch auf den Pass warten müssen und dann frei vorm Tor stehen.

Hierbei muss ein Mann ganz besonders hervorgehoben werden: Kim Andersson. Der Schwede ist schon so etwas wie ein Urgestein beim THW und spielt, ähnlich wie Omeyer, seine mit Abstand beste Saison. Wenn Kim Andersson mit vollem Zug auf die Deckung geht, nimmt er immer mindestens zwei, nicht selten auch drei Abwehrspieler mit. Selbst in der Luft und mit schon zum Wurf ausholend gestreckten Arm hat er noch immer eine unglaubliche Übersicht und schafft es zig Mal pro Spiel seiner Kameraden glänzend in Szene zu setzen.
Dabei beherrscht Andersson diverse Varianten perfekt. Von halb rechts kommend, mit drei Gegenspielern, die an ihm hängen, bietet sich ihm, neben dem eigenen Wurf, immer mindestens eine von drei Optionen:

1) Wenn der Mittelmann des Abwehrblocks mit rausgeht, kann er den Ball häufig sanft zum freien Ahlm abtropfen lassen.
2) Wenn die Abwehr gut verschiebt und Ahlm gedeckt bleibt, spielt Andersson häufig einen schnellen langen Pass auf den linksaußen freistehenden Mitspieler
3) Wenn diese Optionen sich beide nicht bieten, hat Andersson zu seiner linken mit Jicha, Narcisse, Palmarsson oder Ilic immer mindestens zwei Leute an seiner Seite, die sich mit ihrer Physis locker durch den Rest der Abwehr, der nicht an Andersson hängt, durchtanken können.

Natürlich, diese drei Optionen gelten in der Regel für jeden Halben in jeder Mannschaft. Aber es gibt eben kaum Spieler, die so gefährlich im Abschluss UND im Passspiel von halbrechts sind wie Andersson. Ich würde behaupten, dass Andersson derzeit der beste Spieler der Welt (mindestens) auf seiner Position ist.

Aber ganz allgemein ist der Rückraum des THW Kiel ein echtes Problem für jede Mannschaft. Schon in der D-Jugend lernt man: wenn der Gegner einen übermächtigen Spieler hat, dann wir der aus dem Spiel genommen in dem Mann ihm einen Bewacher zur Seite stellt, so dass dieser Spieler im Idealfall gar nicht mehr an den Ball kommt. Damit ist gegen den THW aber nichts gewonnen. Nimmt man Andersson aus dem Spiel, dann kann Jicha auf halblinks die „Andersson-Nummer“ fast genau so gut durchziehen wie Andersson selbst — nur, dass es dann sogar noch einen Abwehrspieler weniger gibt.

Was ich in dieser Saison ebenfalls verstärkt wahrnehme, sind blinde Anspiele („no look-Pässe“). Das Stellungsspiel ist perfekt und jeder weiß jederzeit wo sich welcher Mitspieler befindet. Wenn man mal die Abwehr vom Platz nehmen und den Kielern die Augen verbinden und sie dann ihre Angriffsvarianten abspulen lassen würde – es würde vermutlich nicht zu allzu vielen Fehlpässen kommen.
(Ja, da ist dann noch das Problem den Ball mit verbundenen Augen zu fangen, ich weiß.)

Und wenn all das nicht funktioniert, hat der THW neben Andersson noch den unglaublich sprungstarken Daniel „Air France“ Narcisse und die zwei Tiere Filip Jicha und Momir Ilic, die durch fast jede Abwehr gehen wie das warme Messer durch die Butter – oder eben drüber hinweg springen und aus der zweiten oder gar dritten Reihe treffen.

Zahlen

Die großartige Spielweise besonders Anderssons und Jichas kann man nach diesem Spiel gegen Berlin mit zwei Zahlen ausdrücken: die beiden „Halben“ haben zusammen 19 Tore erzielt und diese brüderlich 10:9 unter sich aufgeteilt und damit mehr als die Hälfte aller Tore zum Sieg beigesteuert.

Tore sind allgemein ein guter Maßstab für Erfolg. In jetzt 26 Spielen hat der THW 839 Tore erzielt und sich nur 596 eingefangen. Das sind 73 mehr, bzw. 75 weniger als der direkte Verfolger, Füchse Berlin. Insgesamt weist der THW Kiel damit eine Tordifferenz von +243 auf. Die Teams der Plätze zwei bis drei können mit +95, +92 und +97 aufwarten. Im Schnitt gewinnt der THW Kiel in dieser Saison seine Bundesligaspiele mit 9,3 Toren Vorsprung. Zum Vergleich: die Füchse kommen hier auf einen Wert von 4,5. Der THW gewinnt nicht nur häufiger als seine Verfolger, er tut dies auch mit einem durchschnittlich doppelt so großen Torabstand.

Interessant ist dabei noch ein Blick auf die Torschützenliste der Bundesliga. Da rangiert Jicha mit 165 Feld- und 20-7m-Toren auf Platz drei (hinter Gensheimer und Lindberg), der nächste Kieler ist Ilic auf Platz 11, dann kommt Kim Andersson auf Rang 33. Das sind dann auch tatsächlich schon alle Top50-Scorer der Kieler. Selbst Balingen oder Göppingen können hier mehr Spieler vorweisen. Für den THW ist das aber eigentlich eine weitere Auszeichnung. Auch ohne den absoluten Topscorer, ohne überproportional viele Spieler in dieser Liste zu haben gewinnt der THW jedes Spiel. Und das souverän.
Das Angriffsspiel des THW ist eben nicht von einem oder einigen wenigen Spielern abhängig (auch wenn, siehe oben, Jicha und Andersson deutlich hervor stechen). Der THW ist von jeder Position aus gefährlich und erzielt auch von jeder Position Tore.

Der vergessene Superstar

Endgültig zum unverzichtbaren Superstar wurde Christian Zeitz als sich Kim Andersson verletzte und Zeitz quasi die komplette Saison auf der Position, die er sich sonst mit Andersson teilen muss, durchspielen konnte.
Neben Namen wie den oben bereits genannten, wirkt der Name „Zeitz“ auf den ersten Blick etwas fehl am Platz – zumindest im Kontext „Weltspitze“.
Christian Zeitz zeichnen aber drei Dinge aus.

Erstens die unbändige Kraft, die er in seinem linken Wurfarm hat. Zeitz kann jederzeit aus dem Stand und ansatzlos härtere Schüsse rauslassen, als viele anderen Spieler mit mehreren Schritten Anlauf. Bälle, die für den Torhüter nur zu erahnen aber fast nie zu sehen sind.

Zweitens, ist Christian Zeitz emotionslos. Zumindest wirkt er so. Zeitz ist es egal, ob er drei Bälle hintereinander verschossen hat. Wenn sich die nächste Gelegenheit bietet, zieht er wieder ab. Inzwischen ist Zeitz aber auch guter Teamspieler und glänzt nicht selten durch elegante Anspiele an den Kreis.
Seit Andersson auf dem aktuellen Niveau spielt hat er natürlich einen Stammplatz inne und Zeitz muss häufig auf Rechtsaußen spielen. Das kann er ganz passabel, wenn auch nicht so gut wie der etatmäßige Rechtsaußen, Sprenger. Dafür kann Zeitz aber jederzeit von rechts kommend in die Rückraummitte einlaufen und ist von dort aus als Linkshänder gleich doppelt gefährlich.

Drittens ist Zeitz in der Abwehr fast nicht zu ersetzen. Kein Spieler stiehlt so viele Bälle wie Zeitz – zumindest nicht in den Reihen des THW. Zeitz kann Pässe antizipieren wie kaum ein zweiter in der Bundesliga und steht deshalb oft genug goldrichtig.

Ehrgeiz, Mannschaftsgeist und Geduld

Auch hier ist Omeyer wieder Spitze. Omeyer war schon immer vom Ehrgeiz fast zerfressen. Und selbst wenn der THW mal mit 10 Toren 30 Sekunden vor Schluss führt, ärgert sich Omeyer über das letzte Gegentor, als ob er gerade den alles entscheidenden Ball im Champions League-Finale nicht pariert hätte.
Und dieser Ehrgeiz scheint mehr und mehr auf die ganze Mannschaft übergesprungen zu sein. Vielleicht auch bedingt dadurch, dass der THW Kiel in der letzten Saison „nur“ den DHB-Pokal gewinnen konnte.
Natürlich kann man den Ärger über eine Saison mit nur einem Titel als Arroganz auslegen – sei’s drum. Die Mannschaft ist personell im Vergleich zur letzten Saison praktisch unverändert. Der Unterschied zwischen der okayen Leistung vom letzten Jahr und dieser außergewöhnlichen Leistung scheint überwiegend Kopfsache zu sein.

Zusätzlich zu diesem Ehrgeiz, der auch bei einer 10-Tore-Führung nicht nachlässt, kommt in dieser Saison noch ein Mannschaftsgeist, der, zumindest für mich als Beobachter, so stark wie noch nie ist. Dazu ist nicht viel mehr zu sagen – man halt in jedem Spiel den Eindruck, dass der THW eine Einheit ist und auch stets so spielt, während andere Mannschaften an der Abwehr des THW zerschellen und dann in eine Ansammlung von Einzelkönnern zerfallen.

Dann zeichnet den THW noch eine weitere mentale Stärke aus: Geduld. Die THW-Mannschaft der Saison 2011/2012 weiß um ihre Stärken und weiß, dass sie fast jedem Gegner („fast“ mit Blick auf das internationale Geschäft) deutlich überlegen ist. Selbst wenn es mal mehrere Minuten am Stück nicht laufen sollte, der Gegner wieder dran kommt oder gar führt, macht sich beim THW keine Panik breit.
In früheren Spielzeiten hat sich in solchen Situationen quasi jeder Spieler jede auch noch so kleine Wurfchance genommen. In dieser Saison wird mit stoischer Ruhe weiter gespielt. Man weiß: wenn wir unser Ding weiterspielen geht denen irgendwann die Puste aus. Auch die bekommen noch eine Schwächephase und dann sind wir da.
Bislang klappt das ganz ausgezeichnet.

Gesundheit

Kurz und knapp in einem Satz: zum ersten Mal seit Jahren ist das Verletzungspech den Kielern nicht hold und die Mannschaft kann immer in der jeweiligen Idealbesetzung auftreten, es müssen keine Kompromisse gemacht werden.

Der Trainer

Braucht eine derart grandios besetzte Mannschaft überhaupt einen Trainer? Wie viel Einfluss hat Gislasson wirklich?
Meine Theorie ist, dass die Zebra-Herde sehr wohl jemanden braucht, der die Zügel in der Hand hält. So lang es gut läuft, ist vermutlich alles egal und gestandenen Spielern wie man sie in diesem THW-Kader findet kann man vermutlich auch wenig Neues beibringen. Aber was, wenn’s mal nicht so rund läuft? Dann hat man 14 Stars, die’s alle besser können, als die anderen und verfällt in Anarchie. Na ja, vielleicht etwas überzogen, aber ich denke, es steht außer Frage, dass es dem THW Kiel gut tut, dass man einen Trainer hat, der anscheinend nie zufrieden ist und dessen Autorität nicht zur Debatte steht.
Ja, wer gewinnt hat Recht. Was man dem Kieler Trainer aber ankreiden kann (ohne, dass man alle Details kennen würde) ist der Umgang mit dem etatmäßig zweiten Mann hinter Marcus Ahlm, Dragicevic. Der hat nämlich nach Streitigkeiten(?) mit dem Trainer quasi nicht mehr gespielt. Im letzten Champions League-Vorrundenheimspiel durfte er ein paar Minuten spielen — und alle in der Halle hatten irgendwie das Gefühl, dass Gislasson ihn aus Versehen eingewechselt hat. Eine merkwürdige Geschichte…

Zukunftsorientiertheit

Last, not least: man hat den Eindruck, dass das Gros der Handballmannschaften nicht viel weiter als von zwölf bis Mittag denken. Der THW hingegen ist dafür bekannt, langfristig zu planen. Da werden häufig junge, aufstrebene Spieler gekauft und dann noch ein paar Jahre bei kleineren Vereinen zum Reifen geparkt. Ein gutes Beispiel ist der isländische Ausnahmekönner Palmarsson. Ein anderes Patrick Wiencek, der zur nächsten Saison zum THW wechseln wird.

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