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Tschüss, Politik!

Ich habe mich hier schon länger nicht mehr schriftlich zum Thema Politik geäußert. Das hat Gründe. Gute Gründe sogar. Politik ist mir zunehmend egaler geworden. Und das in einer Zeit, in der so vieles falsch läuft. Auf so vielen Ebenen. Aber ich glaube, nein, ich weiß, dass ich mit meiner aktuellen Einstellung nicht alleine bin und versuche deshalb mal das, was mir dazu durch den Kopf geht, zu verschriftlichen. Meine Beziehung zur Politik lässt sich dabei relativ eindeutig in drei Phasen einteilen, die sich im übertragenden Sinne mit den Phasen einer jeden schlechten Beziehung decken.

Phase 1 – Euphorie
Angefangen mich wirklich für Politik zu interessieren habe ich so etwa in der neunten Klasse. Genau gesagt: beim zweiten Versuch in der neunten Klasse. Zuvor hatte ich zwar schon irgendwie so ein bisschen mitgejubelt, als Schröder Kohl ablöste (1998 war das), wusste aber irgendwie nicht so recht warum. Vermutlich einfach nur, weil das Veränderung bedeutete und Veränderung fand ich schon damals gut. Der zweite Versuch in der neunten Klasse für mich begann allerdings erst 2000. Da gab Schröder und das rot-grüne Experiment schon zwei Jahre und etwa die gleiche Menge Lack, die sich der ungefärbte Gerd begann in die Haare zu schmieren, war zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon von seiner Politik ab. Zumindest war das damals meine Sicht.
Wer Anfängt sich mit Politik zu beschäftigen, tut das in der Regel mit den Klassikern unter den Politik- und Wirtschaftsphilosophen. Smith, Keynes, Friedman und noch ein paar andere. Vieles was die schon wussten (oder zumindest verkündeten) stand im krassen Widerspruch zu vielem, was Rot-Grün anzubieten hatte. Damit war es per Definition töricht, nicht der Rede wert und zum Scheitern verurteilt. Also galt meine initiale Zuneigung dem Lager, das einen Gegenentwurf parat hatte, der besser zu meinem Politik- und Wirtschaftsverständnis passte. Ich hab mich immer mehr mit den Themen befasst und nach dem Abitur auch entsprechend meinen Studiengang gewählt. Zuerst VWL auf Diplom. Später wechselte ich dann zu einem Politik-Magister. Beendet habe ich das Studium bis heute nicht, das tut hier aber nichts zur Sache.
Im Studium habe ich mich dann immer mehr mit dem rechten, oder wie man in Deutschland lieber sagt, bürgerlichen Lager identifizieren können. Das lag vor allem, wenn nicht gar ausschließlich, an der hohen Anzahl linker Spinner an der Uni. Und ich meine nicht mal die Pappnasen, die bar jeden eigenen Willens oder Verstandes erst den roten Schal für Simonis und dann für Stegner geschwenkt haben. Auch nicht die, die aus Überzeugung der Linkspartei oder wie sie auch immer damals gerade hieß angehörten. Ich meine echte, veritable Spinner, deren Ideen so fern ab von der Realität waren… es wäre wahrscheinlich gewesen, dass die CDU den einbalsamierten Adenauer noch ein mal zur Wahl aufstellt.
So oder so hielt es für einen guten Plan, das mit diesem Parteileben mal auszuprobieren. Das war gewissermaßen der Anfang vom Ende meiner Euphorie für die Politik. 

Phase 2 – Erwachen
Ich habe mir mehrere Parteien verschiedener Farben und Lager von innen angeschaut. In keiner habe ich es länger als ein halbes Jahr ausgehalten. Die bekannten Parteien, zumindest deren Gliederungen in Kiel, waren nicht mehr als Politikstammtische mit mal mehr, mal weniger Bier als in jeder Kneipe. OK, freilich kannten in den Parteien mehr Leute die jeweils eigenen Leitlinien, die von oben vorgegeben worden sind, praktisch auswendig, so dass man sich eine Diskussion mit ihnen sparen konnte. Die Hölle auf Erden für jeden, der diskutieren, der verändern will. Ich habe Politik so erfahren, wie sie häufig dargestellt wird. Rückblickend finde ich die Textzeile “Bück dich hoch” von Deichkind ganz passend.
Zu dieser Zeit hatte sich das bundespolitische Blatt bereits gewendet und Angela Merkel hatte übernommen. Schnell musste ich mir eingestehen, dass “meine” Leute unterm Strich nichts besser, sondern nur andere Sachen falsch machten. Also ein paar Dinge, die vorher falsch liefen, machten sie besser, andere dafür schlechter, so dass die Summe der “guten” und “schlechten” Entscheidung falschen blieb. Allerdings saß ja immer noch die SPD mit im Boot. An der musste das liegen. Ließe man das rechte Lager so schalten und walten, wie sie es für richtig hielten, ohne faule Kompromisse mit dem politischen Gegner, dann, ja dann, wäre endlich alles gut. Das schwarz-gelbe Experiment hat uns allerdings eigentlich nur noch vier weitere Jahre hin und her und damit eigentlich Stillstand beschert. Von dieser Erkenntnis bis zur nächsten Phase war es nur noch ein kleiner Schritt. Und den brachte der Blick auf das Kleine (Landes-/Kommunalpolitik), auf das Große (Europa-/Weltpolitik) und auf das dafür Zuständige Personal.

Phase 3 – Frustration
Schaut man sich das heutige Politik-Personal an, wähnt man sich sofort im Land der Bekloppten und Bescheuerten. Außenminister, die deutsche Staatsbürger erst nach Guantanamo schicken und dann dort sitzen lassen. Kanzler, die Pakte mit dem Russen schmieden und dann für ihn arbeiten gehen. Ein Pofalla, der das Ausmaß der NSA-Affäre nicht versteht, sie aber für beendet erklärt. Ein ganzes Parlament, dass nicht Willens ist, etwas gegen die Überwachung zu unternehmen oder auch nur den mit Abstand besten Zeugen vorzuladen. Und vom Personal der CSU fange ich lieber erst gar nicht an, sonst nimmt dieser Beitrag gar kein Ende mehr. Überall Politiker, die nur von zwölf bis Mittag denken. In Schleswig-Holstein sind die Kanalbrücken marode. Experten bestätigen, dass diese vor Ewigkeiten hätten saniert werden müssen. Und Politiker beider Lager behaupten, dass das jeweils andere Lager verantwortlich wäre. Dabei ist ausnahmslos allen anderen klar, dass das “die Politik” als Ganzes verbockt hat. Die Brücken sind doch nicht erst in den letzten Jahre der Vorgängerregierung verrottet. Das ist so eine Sache, die mir allgemein in der Politik fehlt: Das Eingstehen von Fehlern.
Egal, wo man hinschaut, egal, was man liest – würde man sich so oft mit der flachen Hand an die Stirn klatschen, wie man will, man müsste sich jeden Tag drei mal beim Arbeitgeber wegen Gehirnerschütterung krank melden.
Und im Kleinen ist es ja nicht besser! In Kiel habe ich drei Oberbürgermeister mitbekommen. Vollquartz, Albig, Gaschke. Kämpfer ist zu kurz im Amt, als würde ich ihn mitzählen wollen. Ganz ehrlich: Abgesehen von den Schlagzeilen der Lokalzeitungen am Abend nach den jeweiligen Wahlen habe ich von den Amtswechseln nichts mitbekommen. Es hat sich für mich gefühlt durch diese Politikwechsel nichts geändert. Genauso ist es auf Landesebene. Es gehen andere Dinge schief als vorher aber ich habe nicht das Gefühl, dass es voran geht.

Der Weg zur Geistigen Gesundheit
Was bleibt mir also übrig? Ich habe nicht die Zeit, nicht die Kraft mich selbst politisch zu engagieren. Und nach meinen Erfahren mit Parteien damals (siehe oben) und aktuell (Piraten) habe ich dazu auch gar keine Lust mehr. Mehr als 10 Jahre lang habe ich mich weit intensiver mit der Politik auf allen Ebenen auseinandergesetzt, als es der Durchschnittsbürger wohl getan hat. Für mich bleibt, und das ist, obwohl es so klingt, nicht bloß eine Stammtischparole, die Erkenntnis, dass es für mich(!) tatsächlich egal ist, wen ich wähle. Ich habe mal für die richtigen (Wahlsieger), mal für die falschen (Wahlverlierer) gestimmt. Aber schon ein paar Wochen später war wieder alles egal. Außer den Gesichtern hat sich durch Wahlausgänge für mich bislang noch nie etwas spürbar verändert. Immer gleich war allerdings auch, dass ich mich ständig aufgeregt habe. Über Politik und Politiker; und zwar jeglicher Färbung.
Mein Leben hat sich signifikant(!) verbessert, seit mir Politik weitestgehend egal ist. Ich verfolge Politik nur noch im Vorübergehen, kann nicht mal mehr alle Mitglieder des aktuellen Bundeskabinetts benenne. Von dem meines Bundeslandes ganz zu schweigen. Und es geht mir so unendlich viel besser damit. Natürlich, es gibt immer noch ein paar Themen, für die ich brenne, über die ich mich informiere. Netzpolitik ist so ein Thema. Die gefühlt seit 100 Jahren versprochene und immer wieder verschobene Gesundheitsreform ist so ein Thema. Nicht besonders sexy, aber mit Eltern, die die Großteile ihrer Leben in Krankenkassen und Apotheken verbracht haben ist das halt ein Thema.
All jenen, die bis hierhin mitgelesen haben, empfehle ich folgendes: Geht in euch und fragt euch, was die Römer, äh, die Politik je für euch getan hat. Es werden einige Punkte zusammen kommen, ich bin mir sicher. Dann stellt diese Punkte all dem Ärger, den ihr “ständig” mit Politik habt gegenüber. Wen zweiterer Berg, wie bei mir, signifikant höher ist, kehrt „der Politik” doch einfach den Rücken zu und kümmert euch nur noch um eure Herzensangelegenheiten.
Macht euch das zu einem “schlechteren” Bürger? In meinen Augen schon. Mir persönlich ist aber die eigene geistige Gesundheit wichtiger. Und es gibt ja auch noch genug andere Möglichkeiten, sich für eine bessere Welt zu engagieren. Sogar, sich für eine bessere Politik zu engagieren. Man kann zum Beispiel in Vereinen aktiv werden, die die eigene Agenda unterstützen – oder ihnen zumindest finanziell unter die Arme greifen…

Published inPolitik

Ein Kommentar

  1. pygospa pygospa

    Wow. Dieser Beitrag spricht mir so unglaublich aus der Seele. Auch ich habe irgendwann in der Schule angefangen mich für Politik zu interessieren – nicht so sehr, dass ich das dann auch gleich studiert hätte. Aber auch ich hab schon in diverse Jugendorganisationen der Parteien hinein geschaut, und kann bei vielem Zustimmen. Ich bin dem Linken langer treu geblieben, denn dank meines Hintergrundes ist die CDU nicht wirklich wählbar für mich. Nichts desto trotz: Ich weiß ganz genau was Du mit „Linken Spinnern“ meinst.

    Ich versuche nun schon seit Anfang des Jahres (auch ich habe drüber gebloggt 😉 ) eine Auszeit zu nehmen; mehr oder weniger Erfolgreich (manchmal brennt es einem dann ja doch unter den Fingernägeln, und was zwischen Februar und August schon wieder alles passiert ist…), aber auch ich habe das Gefühl, dass es mir dadurch um ein vielfaches besser geht. Eigentlich ist das schade – ich weiß genau was Du mit „schlechtem“ Bürger meinst, und denke, dass es gerade mehr Leute wie Dich in der Politik dringend bedarf… dann würde die Politk vielleicht auch viel positiver laufen…

    Auch ein Freund von mir hat eine ähnliche Laufbahn hinter sich gebracht, und ist jetzt erfolgreich vom FDP-Aktiven in einen politisch-motivierten Verein gewechselt. Ich werd mich jetzt erstmal mehr der Technik zuwenden, und versuchen in Hackerspaces aktiver zu sein und damit die technische Allgemeinbildung mit voran zu treiben 😉

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