Zum Inhalt

Bietet Videoüberwachung Terroristen eine Plattform?

Es ist nicht auszuhalten!

Reflexartig und ohne auch nur eine halbe Sekunde nachzudenken wurde nach den Explosionen beim Boston-Marathon wieder nach mehr Überwachung, vor allem mehr Videoüberwachung, geschrien. Ganz vorne mit dabei natürlich wieder Herr Uhl von der CDU aber auch Herr Oppermann (SPD) sympathisierte in der Tagesschau (oder waren’s die Tagesthemen?) mit der Idee. Immerhin Claudia Roth, die mir sonst völlig unsympathisch ist, erteilte diesem Streben in der selben ARD-Sendung eine klare Absage.

Aber gucken wir doch mal ein paar Minuten lang auf die Fakten. Gab es Videoüberwachung beim Boston-Marathon, respektive generell in der Stadt Boston? Ja. Hat das die beiden mutmaßlichen Terroristen davon abgehalten dort ihre Bomben zu platzieren und hochgehen zu lassen? Nein. Natürlich, mit noch mehr Kameras und noch mehr Überwachungspersonal hätte man das vielleicht verhindern können. In der Theorie. Wenn man jedem Bürger 24/7 einen Polizisten zur Seite stellen würde gäbe es übrigens gar keine Verbrechen mehr. Nicht mal mehr Ordnungswidrigkeiten! Praktisch ist die totale Überwachung, die eine logische Konsequenz der Forderungen ist, nicht bezahl- und umsetzbar. Ganz zu schweigen davon, dass nicht nur ich sie (zumindest in Deutschland) für verfassungswidrig halte. Zumindest die anlasslose Überwachung.

Das viel wichtigere Argument ist jedoch die Natur des Terrors selbst. Denn worauf kommt es Terroristen in aller Regel an? Angst und Schrecken zu verbreiten. Aufmerksamkeit erhaschen – für sich, die Tat und das dahinter stehende Ziel.
Menschen, die nicht genug Aufmerksamkeit bekommen können gehen hierzulande in den Big-Brother-Container. Weil sie dort 24/7 von Kameras überwacht werden. Warum sollte denn bitte ein Terrorist auf die Idee kommen, nur weil es in Boston Kameras gibt sein Attentat irgendwo in den Wäldern vor den Toren der Stadt zu verüben, wo es a) keiner mitbekommt und es b) keine Opfer gibt? Nicht mal potenzielle. Außer zwei Kaninchen, einer Ameisenkolonie und ein paar Bäumen.

Hat schon mal jemand eine wissenschaftlich Arbeit darüber verfasst, ob man den Terroristen durch die Videoüberwachung nicht erst recht eine Plattform bietet? Und zwar ganz unabhängig von der „privaten Videoüberwachung“ bei Großereignissen, die die Besucher solcher Veranstaltungen mit Ihren Smartphones und Tablets vornehmen.

Ich habe dazu natürlich keine empirischen Daten. Aber anscheinend hat sich da auch noch niemand so richtig mit beschäftigt. (Wenn ihr diesen Text zum Anlass für die Wahl eures Dissertationsthemas nehmt – ich hätte gerne ’ne Kopie davon mit Widmung! :)) Ich denke aber, man sollte da mal drauf rumdenken. Führ die Ausweitung der Videoüberwachung zu einer Lose-Lose-Situation, in der die Freiheit der „anständigen Bürger“ beschnitten und zugleich den Terroristen neue Anreize gegeben werden. Und müssen sich dann all jene Schreihälse, die mehr Überwachung wollen, dann als Helfershelfer der Terroristen alle gegenseitig verhaften?

Published inAllgemein

Schreibe den ersten Kommentar

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: